Landwirtschaft in der Klimakrise.
Der Klimawandel ist in Norddeutschland angekommen und viele Landwirt:innen fragen sich, wie es weiter geht. Was können wir in Zukunft hier noch anpflanzen? Was ist resistenter gegen die unkontrollierbaren Wetterschwankungen? Wie bleibt der Ackerboden fruchtbar, ohne dass man ständig zusätzliche Nährstoffe braucht?
In Riepholm versucht man mit einem Modell-Acker Antworten auf genau solche Fragen zu finden. Am 15. Juni haben wir uns das ganze Mal angeschaut. Die Aktion wurde mit organisiert von Ackern & Rackern. Zwei dutzend Menschen waren dabei. Ein Großteil davon kam gemeinsam mit dem Rad zum Acker; direkt im Anschluss des Konzertes der Gitarrengruppe Saitensprung bei 5 nach 6.

„Seit drei Monaten […] Landwirtin“
In Riepholm wurden wir von Nadia Bremer empfangen: „Ich hab diesen Hof vor dreieinhalb Jahren geerbt“. Vorher gehörte der Hof ihrem Onkel, welcher ihn seit den 80gern durchgehend ökologisch bearbeitet hat. Wechselnd mit Kleegras und Getreide wurde hier gearbeitet, während Nadia (ausgesprochen Na-di-a) ihre Karriere in Bremen gemacht hat.
„Ich hab eigentlich im Projektmanagement gearbeitet. Ich war lange im Sportbusiness und komme eher so aus diesem kommunikativen Bereich“ – ein ziemlicher Wechsel also für sie. Und während der genaue Plan für den Hof noch ausgearbeitet wurde, lief das Ganze dann sogar eine Zeit lang im Tandem – Arbeit in Bremen und Hofpflege in Riepholm. „Aber es funktionierte zeitlich dann nicht mehr mit meinem alten Job. […] Seit knapp zwei Jahren mache ich jetzt hauptberuflich das hier“.

Inzwischen ist sie also voll dabei. Und an Qualifikationen fehlt es auch nicht. Neben der direkten echten Erfahrung hat sie inzwischen auch ihre landwirtschaftliche Ausbildung nachgeholt: „Seit drei Monaten bin ich jetzt auch Landwirtin“. In so kurzer Zeit solch eine große Umstellung – verrückt, wie sich manche Menschen einfach ein Ziel setzen können und dann alles geben um es zu erreichen. Echte Motivation einfach.
„Keine stabile Zukunft mehr“
Und Motivation braucht es, wenn man die erste Person bei etwas sein möchte. Motivation und Mut, denn viel kann falsch laufen. Viel läuft bereits falsch. Viele neue Herausforderungen kommen schnell auf Landwirt:innen zu. Eine Woche nach unserem Besuch teilte Hendrik Allhoff-Cramer ein Video von seinem überfluteten Acker, welches über 1,6 Millionen Mal aufgerufen wurde. Noch nicht mal die Ausbildung zum Landwirt abgeschlossen und jetzt schon extrem besorgt über die eigene Zukunft und die Zukunft aller anderen Menschen.

Hier waren 25 Hektar Soja, die sind jetzt komplett platt. […] Wenn’s so weiter geht – und das passiert jedes Jahr – dann gibt es keine stabile Zukunft mehr. Für niemanden.
Twitter @HendrixAvenell; 23.06.2023
– Hendrik Allhoff-Cramer
In einem Twitter-Thread teilt er, dass er mit solchen Zukunftsängsten nicht alleine ist unter seinen Berufsgenossen. Angst vor Futterknappheit, Hitzestress bei Arbeit auf dem Feld, neue Schädlinge, Wassermangel, Waldsterben und der Bedarf von künstlicher Bewässerung. Genau solche Gedanken haben auch die Motivation für den klimaangepassten Acker in Riepholm gegeben.
„Das ist kein Laborversuch“
„Wir haben hier sehr schlechte Böden, sehr sandige Böden“ hat uns Nadia erklärt „ein Hof der […] am Ende eine schwarze Null stehen hat, der hat schon auf diesen Böden sehr sehr viel richtig gemacht“. Denn es fehlen die Nährstoffe, der richtige Untergrund und Wasser. Zustände, die durch den einsetzenden Klimawandel nur noch extremer werden. Das ist viel extra Aufwand beim Anbau „und dann ist so ein bisschen die Idee entstanden, dass es viele Landwirte gibt, die genau dieses gleiche Problem haben: Was können wir zukünftig anbauen?„.

Mit diesem Gedanken ist Nadia auf Bioland zugegangen, auf der Suche nach Unterstützung. Irgendwo muss es ja auch etwas Sicherheit geben, falls etwas schief läuft. Wenn es so einfach wäre, einfach mal was Neues auszuprobieren ohne Risiko, würden es alle machen. Ein paar kleine Abweichungen von Echtbedingungen gibt es also in Riepholm, aber der Rest läuft so realitätsnah wie möglich. Von den trockenen Böden bis hin zu den (nicht) vorhandenen Geräten und der Auswahl der Pflanzenarten.
Weil entscheidend ist eben auch, dass es ein realistisches Projekt ist. Das ist kein Laborversuch, sondern das ist ein Versuch, wie man in der Landwirtschaft agieren kann, um seinem Hof eine Zukunft zu geben.
– Nadia Bremer (Modell-Acker)
Deswegen wird zum Beispiel die Drillmaschine benutzt, um Sonnenblumen zu pflanzen, weil es die eigentlich benötigten Einzelsaatmaschinen einfach kaum bei uns in der Region gibt. Abweichend vom empfohlenen Vorgehen wachsen die Pflanzen so näher beieinander. Ob das trotzdem funktionieren kann, musste einfach mal jemand ausprobieren. „Es hat super geklappt und jetzt probieren wir das dieses Jahr noch mal“. Genau solche Erfahrungen sollen gemacht werden im Projekt.
„Da habe ich kein‘ Bock mehr drauf“
Der klimaangepasste Modell-Acker ist nun im zweiten Jahr. Weiterhin wird viel hinterfragt und es gibt noch reichlich Neues auszuprobieren: „Ich google natürlich auch viel und tausche mich vor allem mit vielen Biolandwirten aus“. Auch in der Landwirtschaftskammer hat Nadia sich inzwischen einen Namen dafür gemacht, vieles zu hinterfragen, gibt sie zu. Aber so kommt es eben auch zu immer neuen Erkenntnissen, die man festhalten kann für andere.

„So viele Brummer habe ich noch nie in meinem Leben an einem Ort gesehen“, berichtet sie über eine Buchweizensorte, die ausprobiert wurde. Der Ertrag konnte jedoch leider nicht überzeugen. Also weiter mit der nächsten Sorte, die vielleicht Tier und Mensch gleich stark überzeugt. Auch solche Ergebnisse sind wichtig. Fehler, die im Modell-Acker passieren, müssen auf anderen Ackern nicht wiederholt werden.
Auch das Testprojekt Nutzhanf hat der Riepholmer Tierwelt extrem gut gefallen. Leider diesmal nicht beim Bestäuben, sondern direkt nach dem Säen der Körner. Ein bekanntes Problem, wie im Nachhinein ein anderer Landwirt bestätigt hat. Das Projekt ist also erst mal gestoppt, denn der extra Aufwand mit den benötigten Behördengängen lässt sich bei diesen Ergebnissen nicht rechtfertigen. Auf „diese[n] Zirkus mit zu den Behörden rennen und sich das alles abstempeln lassen…“, wie es Nadia beschreibt, „da habe ich kein‘ Bock mehr drauf“.

Es gibt aber auch positive neue Erkenntnisse, die man teilen kann. Nach erfolgreichem Sonnenblumenanbau ohne Einzelsaatmaschine mussten die Körner weiter verarbeitet werden. Maschinen zum Schälen der Kerne gibt es in Norddeutschland nicht. Bis nach Bayern müsste man fahren, um anschließend Öl pressen zu können. Aber wieso nicht mit Schale pressen, hat man sich in Riepholm gefragt. Die Ölpresse war zunächst nicht überzeugt. „Dann musst du das aber selber kaufen“, gab es als Antwort. „Und dann war das aber super und nun verkauft er das auch so“. Genau solche Ergebnisse sollen dokumentiert und geteilt werden.
„Bio ist gesünder“?
Wie weit vom Bauernhof muss man entfernt leben, bis man das Wort Fruchtfolge überhaupt nicht kennt? Wer weiß, dass es eine extra Genossenschaft für den Kräuteranbau gibt und man dort mehr bezahlt, weil der größere Anteil an Handarbeit auch ein größeres Potenzial an Unfällen mitbringt? Und was bedeutet eigentlich Bio? Wer Antworten auf solche Fragen haben möchte, kann zum Modell-Acker kommen: „Das sind so ’ne Themen, die wir versuchen aufzugreifen“.
So ein Lieblingsvorurteil von den Leuten ist ‚bio ist gesünder‘ und die Anderen, die dagegen sind ‚Nein bio ist gar nicht gesünder‘. Und dann streiten die sich, wo mehr Nährstoffe drin sind.
Aber eigentlich ist das total egal, weil man sich erst mal fragen muss, für wen oder was? Reden wir nur über uns Menschen, oder reden wir auch über die Natur und die Tiere und die Auswirkungen für die nächsten Generationen und da ist es ziemlich leicht zu beantworten.
– Nadia Bremer (Modell-Acker)
Die Krise, die mögliche Zukunft und den allgemeinen Betrieb der Landwirtschaft in Norddeutschland soll mit möglichst vielen Menschen geteilt werden. Und nicht nur mit anderen Landwirt:innen. Durch Führungen wie dieser, aber auch durch Firmenausflüge, Teambuildingevents und Lernwochenenden, „das ist schon unser Ansehen so was mehr zu machen“, hat uns Nadia erklärt.
Auch für Bürger:innen aus der Großstadt Visselhövede war es ein super interessantes Event. Es gab vieles Neues zu lernen und man konnte einfach mal sehen, wo das Essen vom Tisch eigentlich herkommt. Ein großes Danke dafür geht natürlich direkt an Nadia Bremer, aber auch an die Organisatoren von Vissel for future, Ackern & Rackern und die anderen Mitwirkenden des Modell-Ackers.

Falls du unsere Tour verpasst hast, ist das natürlich etwas schade. Es war wirklich schön. Aber du kannst vieles selbst entdecken. Auf dem 800 Meter langen Weg am Modell-Acker stehen zahlreiche informative Schilder zum Projekt, die selbst das Nordpfade Team beeindruckt haben. Also schau mal vorbei. Und schau auch gerne auf die Webseite vom Modell-Acker für noch mehr Infos, Bilder und Updates.
Geendet hat unsere Führung mit einer Verkostung der angebauten und verarbeiteten Produkte. Es gab leckeres Leinöl, Sonnenblumenöl, Dinkelbrot, Erbsentempeh und mehr. Das schmeckt wirklich alles ziemlich gut. Und es war einfach schön zu sehen, riechen & schmecken, dass ein klimaangepasster Acker zu realen Ergebnissen führen kann. Der Acker der Zukunft nimmt Form an.

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Weitere Beiträge zum Thema:
- Besuch am Modell-Acker – Modell-Acker.de; 19.06.2023

